Zur Geschichte der katholischen Kirche in Kemnat
Ein kurzer kirchengeschichtlicher Rückblick
erscheint nützlich, will man den Ursprung und das Werden der
katholischen Kirchengemeinde Kemnat darstellen.
Die erste sichere Kunde Kemnats stammt aus einem
päpstlichen Dokument vom
8. März 1229. Das belegt u. a.,
daß Kemnat bereits im Mittelalter einen Geistlichen und eine
Kirche besaß. Diese war dem heiligen Bartholomäus geweiht.
Unter Herzog Ulrich (1489–1550) wurde in Württemberg die
Reformation eingeführt, 1535 die Messe abgeschafft. Die
Filderorte wurden evangelisch; nur Neuhausen blieb katholisch.
Nach einigem Hin und Her wird Kemnat im Jahre 1449
von den Esslingern, neben anderen Filderorten, eingeäschert. Dabei
brannte auch die Kirche nieder. Im 16. Jahrhundert mag Kemnat etwa 200
bis 300 Einwohner gehabt haben.
Die Schrecken des 30jährigen Krieges
dezimierten die Bevölkerung auf 90 Menschen. Im Laufe des 18.
Jahrhunderts war die Einwohnerzahl wieder auf 660 gestiegen, doch
Katholiken gab es in Kemnat damals nur vereinzelt. Im 1. Weltkrieg
hatte die Bevölkerungszahl nicht abgenommen. Im 2. Weltkrieg
entstanden durch Luftangriffe zahlreiche Großbrände im Dorf;
auch die Kirche wurde stark beschädigt. Als Folge des verlorenen
Krieges flossen nach 1945 die langen Ströme der Heimatvertriebenen
in unser Land. Kemnat nahm etwa 500 Flüchtlinge auf. Es waren in
der Mehrzahl Katholiken, die in unser Gebiet kamen. Kemnats
Katholikenzahl hatte sich auf das sechsfache erhöht.
Durch Erlaß des Bischöflichen
Ordinariats vom 12. Juli 1907 wurde Kemnat erst Neuhausen und dann 1948
Hohenheim angegliedert. Die kleine Schar von Katholiken mußte zum
Besuch des Sonntagsgottesdienstes den Weg nach Hohenheim nehmen. Vom
Juni 1946 änderte sich
die Situation grundlegend. Pater Konrad
Strobel feierte nun alle 14 Tage eine heilige Messe in der
evangelischen Kirche. Mehr als 10 Jahre hat die evangelische Gemeinde
den Katholiken geholfen. Diesen Freundschaftsdienst konnte die
katholische Gemeinde in gleicher Weise erwidern, als der Neubau der
evangelischen Kirche errichtet wurde. Diese christliche Verbundenheit
und gegenseitige Achtung besteht bis zum heutigen Tage.
Die angestiegene Katholikenzahl drängte zum
baldigen Bau einer eigenen Kirche. 1954 wurde deshalb der Katholische Kirchenbauverein
gegründet, dessen Motor Herr Gerhard Rausch war. Nachdem man
einen Bauplatz in der Mitte der Gemeinde erworben hatte, legte am 2.
Februar 1956 Pater Sieber den Grundstein für die neue Kirche. Im
Jahre 1957 wurde der Neubau der katholischen Kirche „St. Maria
Königin“ fertiggestellt. Der 25./26. Mai 1957, an dem
Bischof Leiprecht die Weihe vornahm, war ein Freudentag für
Kemnat. Pater Bernd Sieber, „die Seele des Kirchenbaus“
zelebrierte zusammen mit Pater Zieger, dem Diözesanpräses der
Kolpingsfamilie, Karl Gronmayer und dem Bischof das erste feierliche
Hochamt nach 450 Jahren in Kemnat.
Es entstand ein geräumiger Langbau von 28 m
Länge und 14 m Breite und 300 Sitzplätzen.
Einen künstlerischen Höhepunkt stellen die
bunten Glasfenster
dar. Mit ausdrucksvollen Farben und sparsamen Gesten
gestaltete der Stuttgarter Maler Otto Habel herrliche Fenster, die das
Marienleben erzählen. An der Längswand des Kirchenschiffes
malte Sepp Vees von Flacht in 15 Bildern die Stationen des Kreuzwegs.
Als Teilgemeinde von Hohenheim fiel Kemnat unter
die seelsorgerische Betreuung der dort ansässigen Pallottiner. Von
dort kamen viele Jahre lang mehrere Patres abwechselnd zur
Meßfeier und zur Betreuung der Gläubigen nach Kemnat. Von
1946 waren dies die Patres Strobel, Erne und Wagner. Pater Sieber
wirkte von 1946 bis 1958; ihm zur Seite stand Pater Zieger. Es folgte
1959 Pater Kutter, der den Bau der Orgel und den Umbau des Altarraumes
veranlaßte; er wurde durch Pater Bleier unterstützt. Im
November 1959 bekam Pater Marquard den Auftrag, „möglichst
selbständig die Betreuung der Filiale Kemnat zu
übernehmen und eine Pfarrfamilie zu schaffen“. Er nahm
seinen Wohnsitz in Kemnat und war somit der erste ortsansässige
katholische Geistliche seit der Reformation. Seit April 1967 wirkte
Pater Müller in Kemnat, bis er 1991 plötzlich verstarb.
Danach betreute Pater Tress für kurze Zeit die Gemeinde. 1992
übernahm dankenswerterweise der Augustinerpater Clemens Richter
zusätzlich zu Ruit auch noch die Gemeinde von Kemnat.
Wir wurden somit Teilkirchengemeinde von Ruit. Im September 2003
wurde Pater Clemens Richter in den Ruhestand verabschiedet.
Mit dem Ruhestand von Pater Clemens Richter trat die Seelsorgeeinheit
Augustinus Stuttgart-Filder unter der Leitung von seinem Mitbruder
Pater Gottfried Eigner in Kraft. Mit zu dieser Seelsorgeeinheit
gehören die Pfarreien St. Michael in Stuttgart-Sillenbuch, Thomas Morus
in Stuttgart-Heumaden und St. Monika in Ostfildern-Ruit. 2004 bekam
Pater Gottfried Eigner durch Pfarrvikar Antoni Druzkowski Unterstützung.
Und seit 1. Januar 2005 sind wir keine Teilkirchengemeinde mehr,
sondern eigenständige Gemeinde in der Seelsorgeeinheit Augustinus Stuttgart-Filder.